Mit einem Ruck fuhr Lisa aus dem Schlaf hoch. Sie lauschte
in die Stille. „Lisa?“
Im Dämmerlicht, das durch die halb heruntergelassenen Jalousien fiel, erkannte Lisa einen Mann in der Ecke ihres Schlafzimmers.
„Johannes!“, entfuhr es ihr. „Was machst du hier?“
Es blieb still, nur der Wind bewegte die Vorhänge. Der Mann stand auf und ging langsam auf das Bett zu. Lisa kniff die Augen zusammen,
sollte sie sich getäuscht haben? War das nicht Johannes, sondern ein Einbrecher? Ihr fielen Geschichten von Einbrechern ein, die sich nachts in die Wohnungen von allein stehenden Frauen schlichen.
„Johannes? Was ist los?“ Lisa bemerkte, wie ihre Stimme zitterte und ärgerte sich darüber. Es musste Johannes sein, beim Näherkommen nahm sie im Licht der Straßenlaterne seine große Nase wahr.
Der Mann sagte immer noch nichts. Er kam auf das Fußende des Bettes zu und setzte sich in den Sessel. Dort lagen ihre Sachen, die sie am Vorabend achtlos hingeworfen hatte. Für einen Moment dachte Lisa an ihre Bluse, die wahrscheinlich unter dem Gewicht ganz zerknittert wurde. Der Mann bewegte sich kaum. Starr saß er in dem Sessel.
Von draußen dröhnte das Quietschen der Straßenbahn.
Lisa konnte deutlich Johannes’ Profil erkennen. Sie richtete sich auf und klemmte die Decke um ihren Körper. Wie war er nur in ihre Wohnung gekommen?
Wie immer hatte sie das Balkonfenster leicht angelehnt gelassen, aber wer konnte schon in den 3.Stock einer Altbauwohnung klettern? Nur Johannes! Sie wollte es nicht glauben, als er ihr erzählt hatte, dass er jeden Tag mehr als zweihundert Stufen zu seiner Krankanzel geklettert war.
„Warum sagst du nichts?“, fragte sie erneut.
„Fragen, immerzu Fragen. Hast du vergessen, warum ich hier bin?“ Seine Stimme klang dunkel, der Kopf schob sich ruckartig vor.
„Du wolltest es doch?“
„Was wollte ich?“ Lisa versuchte sich mühsam zu erinnern. Die Flasche Rotwein von gestern Abend erschwerte das Denken. Was war da in der letzten Woche geschehen, es konnte nur die letzte Woche gewesen sein, länger kannte sie Johannes nicht. Er wurde ungeduldig und stieß ein heiseres Lachen aus.
„Die Wette!“, erklärte er.
„Die Wette.“ Lisa fiel es wieder ein.
„Kommst du?“ Johannes stand auf.
„Was jetzt? Im Dunklen, man sieht doch gar nichts.“
„Nur jetzt geht es. Am Tag ist die Baustelle voll. Los, komm einfach!“
Lisa wollte aufstehen, aber Johannes saß auf ihren Sachen.
„Okay, ich komme. Warte im Flur auf mich. Und lass uns lieber die Treppe benutzen.“
Folgsam verschwand der Mann hinter der Tür zum Flur. Lisa zog sich an, wurde wütend, als sie den zweiten Socken nicht fand, griff nach einem anderen. Sie ging zur Balkontür und streckte ihren Kopf zwischen den Vorhängen nach vorn. Er musste an dem Regenrohr empor geklettert sein. Eigentlich romantisch, wer weiß, was er in seiner Jugend alles angestellt hatte.
Sein Moped stand vor dem Haus. Gemeinsam fuhren sie durch die Müllerstraße, an dem Fischladen vorbei, in dem Lisa arbeitete.
Die Nachtluft war angenehm kühl. An der nächsten Kreuzung sah Lisa auf die Uhr – 3:45. In drei Stunden würde der Wecker rattern. Ob sie bis dahin zurück wären? Eigentlich war es ihr egal. Sie würde sogar mit Johannes weiter fahren, um nicht um 7:30 den Hintereingang vom Laden aufzuschließen und die tiefgekühlten Fische in die Auslagen einzuräumen. Manchmal hatte sie den Fischgeruch schon auf der Straße in der Nase. Das fiel ihr besonders an ganz klaren Tagen auf. An solch einem Tag hatte sie Johannes kennen gelernt:
Da stand er kurz vor 18 Uhr im Laden und schaute fast angewidert auf die Fische. Lisa fühlte sich sofort angegriffen. In ihren drei Jahren Arbeitserfahrung kannte sie die häufigen Fragen und gerade das Gemecker der alten Leute konnte sie nicht mehr hören.
Der Mann blickte auf das letzte nackte Rotbarschfilet.
„Ist das frisch?“
Lisa gab sich insgeheim zehn Punkte für ihre Menschenkenntnis und entgegnete so höflich wie möglich: „Na klaro.“ Das war ihr letzter Kunde, dann war endlich Feierabend. Vielleicht würde sie Peter abholen, schon lange hatte er sich nicht mehr gemeldet. Ihr war es egal, ob der Mann den Fisch kaufte, sie wollte nur aufräumen und dann weg aus diesem Laden.
Der Mann blieb stehen und starrte weiter auf das Rotbarschfilet:
„Die Japaner essen ja Fisch auch roh, aber nur frischen Fisch.“
„Der Fisch ist frisch.“ Lisa wurde ungeduldig und fühlte sich fast persönlich beleidigt.
„Geht doch gar nicht, wenn der aus dem Meer kommt, wer weiß, wie lange der rumlag, bevor der eingefroren wurde.“
Lisa spürte den Ärger, der in ihr aufstieg, so ein Besserwisser hatte ihr gerade noch zum Feierabend gefehlt! Warum war der bloß in den Laden gekommen? Aus einem plötzlichen Einfall heraus nahm sie das Rotbarschfilet in die Hand und hielt es hoch. „Soll ich Ihnen zeigen, dass der frisch ist? Nur frischen rohen Fisch soll man essen.“
„Das machste niemals!“
„Doch!“ Lisa hatte die Nase ganz nah an dem Fisch, sodass sie die Kälte im Gesicht spürte. Für einen Moment zweifelte sie, ob der Fisch wirklich so frisch war. Die Ladung mit dem Rotbarsch war gestern gekommen, aber diesen Gedanken wollte sie schnell wieder vergessen. „Wollen wir wetten?“
Frau Schubert von nebenan kam in den Laden, sie wollte wie immer die Reste für ihren Kater holen. Sie rümpfte die Nase: „Nee, nee Lisa, mach det nich. Ick sag immer, lass dir nicht provozieren.“
Lisa schüttelte unwillig den Kopf, von der wollte sie sich nichts sagen lassen. „Was bietest du?“, fragte sie provozierend.
Der Mann überlegte kurz. „Eine Aussicht über Berlin“, sagte er dann und schaute sie zweifelnd an.
Lisa biss hinein. Rohen Fisch hatte sie noch nie gegessen. Geschmacklos, nur kalt war es in ihrem Mund. Sie holte die Kräuterlinge, würzte das weiße Stück und schnitt es in mundgerechte Teile. Es waren noch sieben. Als sie das zweite in den Mund schob, blickte sie Frau Schubert an. Die verzog die Mundwinkel nach unten, wahrscheinlich hatte sie den Fischgeschmack auch im Mund. Der Mann lächelte. Lisa kaute verbissen, beim sechsten Stück musste sie würgen, aber sie wollte nicht aufgeben. Das siebente Stück war am schwierigsten. Frau Schubert verließ den Laden. Lisa stellte sich beim Hinunterschlucken eine große Kugel Schokoladeneis vor, doch es war Schokoladeneis mit Fischgeschmack, das sollte es ja auch bei den Japanern geben. Die Kälte stieg aus dem Bauch auf, aber es war geschafft. Der Mann klatschte Beifall und wandte sich zur Tür.
„He“, rief Lisa mit den letzten kleinen Fischstückchen auf der Zunge, „was ist mit der Wette?“
Der Mann entgegnete: „Jetzt kann ich ja keinen frischen Fisch mehr kaufen. Ich komme morgen früh vorbei.
“Als die Ladentür zufiel, rannte Lisa auf Toilette. Einerseits war sie stolz auf sich, doch es grummelte in ihrem Magen. So eine Fischvergiftung konnte schlimm sein. Den ganzen Abend war ihr noch schlecht gewesen. Aber Johannes war am nächsten Morgen gekommen, hatte nicht nur Fisch gekauft, sondern auch nach ihrer Adresse gefragt.
Den ganzen Vormittag war er im Laden geblieben und hatte in den Verkaufspausen immer wieder von sich und seinem Kran erzählt.
Mit 55 war er zu alt gewesen, sie hatten ihn einfach entlassen.
Dann der Auszug der Frau, Alkoholproblem, Einsamkeit. Lisa kannte diese Geschichten, manchmal genügte der kleinste Anlass und die Menschen begannen zu erzählen. Für einem Moment spielte sie mit dem Gedanken, wie es wäre, mit Johannes ins Bett zu gehen, aber der Altersunterschied war ihr doch zu groß und vor allen Dingen war da seine riesige Nase, die immer wieder Blicke auf sich zog.
Lisa lehnte den Kopf an seinen Rücken und genoss die vorbeiziehenden Häuser. Wahrscheinlich würden sie zum Potsdamer Platz fahren, dort hatte Johannes bis vor zwei Monaten noch gearbeitet. Hoffentlich gab es keine Schwierigkeiten, solche Baustellen waren doch meist bewacht.
Johannes hielt an und setzte den Helm ab: „Den Rest müssen wir zu Fuß gehen.“
Hinter einem alten Haus hob er einen Bauzaun aus der Betonstütze.
Er schob Lisa hindurch, zwängte sich hinterher und brachte den Zaun wieder in die richtige Position. Es war ganz dunkel, Lisa konnte kaum etwas erkennen. Sie hatte Angst und blieb stehen. Johannes nahm ihre Hand und zog sie hinter sich her. Sie schlichen durch das Untergeschoss eines Hauses. Steine knirschten unter den Schuhen.
Es hallte in den leeren Räumen. Der Betonstaub war im Gesicht zu spüren. Lisa war kalt, sie ärgerte sich, nicht den Pullover mitgenommen zu haben.
„Da vorn müssen wir hin“, flüsterte Johannes und zeigte auf eine beleuchtete Stelle, in deren Mitte ein gelber Kran stand. „Bist du schwindelfrei?“
„Weiß nicht“, Lisa konnte sich nicht erinnern, jemals Höhenangst gehabt zu haben, allerdings war sie auch noch nie in den Bergen gewesen oder auf einen Turm geklettert.
„Du darfst nicht nach unten schauen, immer nur auf die Sprossen vor dir. Halt dich fest, dann kann nichts passieren. Der Sicherheitstyp macht jetzt gerade eine Pause, der schläft immer um die Zeit und stellt sich den Wecker auf 5 Uhr. Wir haben fast eine Stunde Zeit. Zehn Minuten brauchen wir bestimmt bis oben. Sportlich siehste ja aus. Also los!“
Er rannte los und schaute sich dabei nach allen Seiten um. Als er beim Kran angekommen war, winkte er Lisa ungeduldig zu. Sie lief zum ihm und bemühte sich, so leise wie möglich aufzutreten. Johannes holte aus seiner Tasche zwei kurze Drahtseile mit Haken und ein Paar Handschuhe für sie.
„Für den Notfall, den Karabinerhaken klemmste an die Haltestange. Der macht Krach, also sei vorsichtig.“ Behände schwang er sich die Leiter hinauf. Lisa staunte ihm hinterher, im Nu war er auf dem ersten Absatz. Sie begann die ersten Stufen hinaufzuklettern. Es war leicht, die Stufen hatten eine angenehme Höhe. Lisa stieg und stieg. Als sie auf dem ersten Absatz stand, drehte sie sich stolz um. In fünf Metern Höhe wirkte die Baustelle schon ganz anders. Johannes pfiff leise von oben und machte ungeduldige Handbewegungen. Lisa kletterte weiter. Beim zweiten Absatz war sie schon außer Puste.
Sie wusste, sie sollte nicht nach unten sehen, musste es aber doch tun. Angesichts des Abstandes und der zunehmenden Höhe, die noch vor ihr lag, wurden ihre Hände in den Handschuhen feucht. Ohne die Handschuhe wäre sie sicherlich an der eisernen Haltestange abgerutscht. Johannes schien bereits oben zu sein, Lisa vermisste seine Schritte und das Klappern des Karabiners. Sie war außer Atem, als sie beim dritten Absatz ankam. Die Hälfte war geschafft.
Sie wollte nicht hinuntersehen, sondern stieg weiter. Kurz vor der Kanzel musste sie sich hinsetzen, nach Luft ringend schaute sie zu Johannes, der sie in die Kabine zog.
„So, jetzt setz dich mal. Ist zwar ein bisschen eng, aber gleich ...“
Er stand vor ihr, glücklich und starrte auf den Himmel. Lisa folgte seinem Blick und sah am Horizont die Morgenröte, die ihre Farben ausbreitete. Noch nie hatte sie so einen Blick erlebt. Die Weite nahm ihr den Atem.
„Wahnsinn“, stieß sie hervor. „Wahnsinn, und das hast du jeden Tag gesehen?“
„Ja, meist habe ich deshalb früher angefangen. Hier oben fühlst du dich wie der Herr über alles, alles ist weit weg, keine Probleme,
kein Ärger, nur die Luft. Manchmal schleiche ich mich nachts hierher und klettere hinauf.“
„Es ist so schön.“ Lisa konnte ihn verstehen. Die Stadt unter ihnen schlief noch. Nur vereinzelt waren erleuchtete Fenster zu sehen. Wenige Autos flitzten auf den beleuchteten Straßen, aber selbst die Geräusche kamen gedämpft an. Die Neugier hatte Lisa erfasst:
„Und wo ist der Fischladen?“
Johannes zeigte in eine Richtung, Lisa glaubte sogar das blaue Schild erkennen zu können. Sie strahlte ihn an: „Danke, das ist einer der schönsten Momente meines Lebens, dafür esse ich auch noch einmal rohen Fisch.“
„Das werde ich nicht wieder von dir verlangen!“ Er sah auf die Uhr. „Wir haben nur noch zehn Minuten, dann beginnt der Sicherheitstyp wieder seine Runde. Also schau dich noch einmal um und nimm den Blick mit.“
Lisa drehte sich vorsichtig um, es war viel zu eng in der Kanzel für zwei. Sie sah über ihre Schulter in den Westen der Stadt, Der Funkturm blinkte ihr zu, der dunkle Fleck musste der Grunewald sein, selbst der Wannsee war zu erahnen. Hinter dem Fernsehturm im Osten wurde es heller.
Johannes stieß sie an. „Wir müssen jetzt los. Du zuerst, weil ich noch zuschließen muss. Denk daran, schau nur auf die Stufen und auf das Geländer, nicht nach unten.“
Lisa löste sich und stieg aus der Kanzel auf den kleinen Absatz.
Der Wind wehte kalt. Der Kran schien zu schwanken, der Schutz der Kanzel war weg. Sie setzte sich auf den Boden und wollte nach unten klettern, als Johannes hinter ihr schrie: „Der Karabiner, klemm den Karabiner ein!“ Lisa erschrak und suchte mit einer Hand nach dem Haken. Er war nicht an der Stelle, wo er hängen musste. Lisa hielt sich mit der anderen Hand fest und blickte zur Seite. Ihr Blick ging daran vorbei in die Tiefe. Der Boden war entsetzlich weit entfernt.
Er begann auf einmal zu schwanken, die Angst ließ Lisas Herz schneller schlagen und ihr wurde schlecht. Sie würde sich nicht mehr halten können, ihre Finger im Handschuh waren kalt. Sie hatte keine Kraft mehr. Ihre Hand rutschte an der Eisenstange entlang.
Da klackte es metallisch und Johannes schob sein Gesicht vor ihres. „Nicht nach unten sehen. Los, absteigen, dein Karabiner ist dran. Alles in Ordnung, deine Hände an die Stange und nach unten steigen. Ich bin vor dir, du schaffst es.“ Er schob sich an Lisa vorbei und versperrte ihr damit den Blick. Lisa tat, was Johannes sagte,
sie tastete mit den Füßen nach den nächsten Stufen, zuerst langsam und vorsichtig, aber nach dem dritten Absatz ging es viel schneller. Beim zweiten traute sie sich auch wieder nach unten zu sehen.
Ganz erleichtert war sie, als sie schließlich neben Johannes auf dem Boden stand. Sie lächelte ihn an. Er zog sie mit sich in das Untergeschoss und von dort aus weiter zum Bauzaun. Neben dem Moped sank Lisa zusammen. Auch Johannes ließ sich neben ihr fallen. Für eine Weile sagten beide nichts, atmeten hastig. Als sie die Schritte des Wachmannes hörten, fing Lisa an zu kichern, konnte sich nicht mehr halten und bekam keine Luft mehr vor Lachen. Johannes sah sie verständnislos an, grinste und lachte ebenfalls vor Erleichterung,
bis er sich die ersten Tränen aus den Augwinkeln wischen musste.

 

        

 
© Grit Ellen Sellin