Den Rasen hatte er gestern gemäht. Endlich hatte es aufgehört zu regnen, jetzt begann ihre Zeit. Sonntagnachmittage im Liegestuhl.
Er pfiff vor sich hin, als er die Liegestühle aus der Garage in die Nachmittagssonne trug. Er schob sie so hin, dass sie sich genau wieder auf dem Platz gegenüber dem Rhododendronstrauch befanden. So wie im letzten Jahr. Dort erreichte die Sonne ihren tiefsten Punkt, bevor sie hinter den Büschen verschwand.
Jetzt musste er nur noch die karierten Polster holen, Karin wartete bestimmt schon. Als er zurückkam, hatte sie bereits ihren Platz eingenommen. Es war der rechte Liegestuhl. Es musste immer die rechte Seite sein; die rechte Seite des Bettes, die rechte Seite seines Armes, die rechte Ecke von der Küchenbank, die rechte Seite des Parkhafens, alles war bei ihnen für sie rechts gepolt. Aber so war sie nun mal, Ben, kannst du mir bitte noch ein Wasser mitbringen?“
Er nickte und ging ins Haus. Als er mit dem Glas zurückkam, wäre er fast über ihre Gartenschuhe gestolpert. Sie standen unbenutzt auf der rechten Seite neben seinen. Sie musste barfuss über den Rasen gelaufen sein. Er schlüpfte in seine Plastikschuhe, nahm die Polster und lief zu ihr. Da lag sie, eine Hand auf der Lehne, die andere leicht über ihrem Gesicht. Sie hatte seine Schritte gehört, streckte die Hand nach oben und nahm blind das Glas. Ihr Haar schimmerte in der Sonne. Wie sie so da lag, so entspannt, war sie schön - schön, wie damals. Er legte sein Polster auf den leeren Stuhl und setzte sich.
„Willst du gar keine Unterlage haben?“
„Nein.“
„Ist alles in Ordnung?“
Sie antwortete erst nach einer Weile: „Hast du gehört, dass Isabella wegzieht?“ Ihre Stimme klang unbeteiligt. Was wusste sie? Es kratzte in seinem Hals.
„Warum?“ Das Wort kam langsam und rau aus seinem Mund.
Sie rührte sich nicht.
„Sie will zurück in die Stadt. Sie sagt, nachdem Nadja ausgezogen ist, braucht sie das Haus nicht mehr.“
Er nickte. Daran hatte er schon oft gedacht. Isabella allein in dem Haus nebenan. Isabella, die nach dem Regen morgens barfuss durch den Garten ging, deren Pflanzen unbeschnitten wucherten, die Gartenschläuche ablehnte und nur aus der Regentonne den Garten begoss. Isabella, die alle in der Straße freundlich grüßte, sich aber von den Feierlichkeiten der Nachbarschaft zurückhielt. Isabella, die er manchmal nackt am Fenster gesehen hatte, weil sie nicht wusste, was zu sehen war. Isabella, die Frau, die nicht ahnte, dass es ihn immer wieder in ihren Garten gezogen hatte. Das Loch im Zaun hatten sie damals für die Kinder offen gelassen. Jetzt war es fast zugewachsen, alle schienen es vergessen zu haben, nur er wusste davon.
„Oje, wer weiß wer dann dort einzieht? Hat sie etwas gesagt, ob sie das Haus verkaufen oder vermieten will? Stell dir mal vor, da zieht dann eine junge Familie mit Kindern ein. Vorbei mit unserer Ruhe, dieser Lärm ...“
Karin setzte sich auf. „Ich weiß es nicht. Sie sagt, sie fühlt sich hier so eingesperrt, alles ist so schön und geordnet. Es gäbe keine Überraschungen mehr.“
Isabella wollte Überraschungen? Warum Überraschungen? Überraschungen stürzen alles um, neue Situationen, auf die man sich einstellen muss. Vielleicht hätte er nachts bei Isabella klingeln sollen. Bei diesem Gedanken musste er lächeln.
Karin rückte näher heran und sah ihm ins Gesicht. Die Sonne blendete, Ihr Blick war nicht zu deuten. Er kniff die Augen zusammen. Neben dem vertrauten Geruch nahm er die Sonnenkrem wahr und noch etwas anderes, das ganz neu war.
„Komisch.“
„Was ist daran komisch?“ Auch ihre Stimme klang anders.
„Na ja, ich dachte, sie wäre immer ganz zufrieden hier gewesen. So allein war sie doch gar nicht.“
„Ich kann sie verstehen.“ Der fremde Geruch wurde stärker.
„Du, wieso du?“
Sie antwortete nicht. Er schob sein Gesicht an ihres heran. „Heh, was ist los?“ Doch sie antwortete nicht, stattdessen ertönte eine Stimme von der Seite: „Hallo, ihr beiden.“
Isabellas Kopf tauchte zwischen den Rhododendronzweigen auf. Ihre Locken wippten fröhlich.
„Warte, ich komme,“ sagte Karin und sprang auf. Er verstand nichts, auch nicht, als sie seinen Oberschenkel tätschelte. Er sah nur, wie sie barfuss ins Haus lief, mit einer Reisetasche zurückkam und durch das Loch im Zaun verschwand. Und er fühlte noch ihren leichten Kuss auf seiner Stirn, bevor das Lachen auf der Seite nebenan erstarb.
Es war auch eine rechte Seite oder eine linke? Das kam ganz auf die Perspektive an.

 

        

 
© Grit Ellen Sellin