Wie jede Nacht des vergangenen Monats war auch diese wieder sehr kurz gewesen. Das lag nicht an den Vögeln, die vor dem Morgengrauen mit dem Gezwitscher anfingen, es war auch nicht die Helligkeit, die sich durch die leichten Gardinen ins Schlafzimmer drängte, nein, die gelbgrünen Augen hatten sie geweckt. Augen, die mit den schmalen Pupillen an eine Schlange oder ein Krokodil erinnerten, lauernd und plötzlich zustoßend. Es gab kein Entkommen. Wieder war sie aus dem Schlaf hoch geschreckt, heftig atmend und einem rasenden Herz.
Der Blick auf den Wecker beruhigte kurz, gab ihr einen Aufschub vor dem kommenden Tag. Susanne sank ins Bett zurück. Trotzdem sie ihren Bauch ganz fest an das Laken presste, sich tief in die Bettdecke eingrub und die Augen schloss, hatte sich der Schlaf längst verabschiedet. Die Zeit verging schleichend, der tickende Sekundenzeiger drang bis unter die Bettdecke. Gegen sechs Uhr ergab sich Susanne und stand auf. Aber die bleierne Schwere erschien am Frühstückstisch, ließ das Geplapper des Sohnes ersterben und saß gewaltig als Beifahrerin auf dem Weg zur Arbeit.

Als sie in der Firma ankam, waren der Flur und die angrenzenden Büros noch leer. Susanne stellte ihre Tasche unter den Schreibtisch. Sie schaltete den Computer ein und ging zur Toilette, um die Müdigkeit mit kaltem Wasser zu vertreiben. Das grelle Licht blendete über der Waschbeckenreihe. Sie drehte den Hahn auf und starrte auf das laufende Wasser. Unfähig sich zu bewegen, glitt der Blick zu ihrem Bild in der makellosen Spiegelfront. Graue Augen schauten ihr müde entgegen. Die Nase stach hervor und warf einen Schatten auf die Mundpartie. Sie strich sich leicht über die Augenlider und fühlte unter den Fingerspitzen die trockene Haut.
Da wurde die Tür aufgestoßen. Susanne schrak zusammen.
„Ach, Frau Menz, guten Morgen, schön, Sie zu sehen,“ überfiel es sie. Gelbe, stechende Augen kamen näher und begegneten ihr im Spiegel. Sie zwang sich zu einem Gegenblick und grüßte leise zurück. Innerlich sackte sie zusammen und fragte sich, warum die Chefsekretärin sie ausgerechnet hier antraf. Hatte sie geahnt, dass Susanne schon seit einiger Zeit da stand und in den Spiegel starrte? Vielleicht hatte sie nur darauf gelauert, Susanne zu erwischen? Sie traute dieser Person nach dem letzten Monat alles zu.
Hastig schob Susanne ihre Hände unter das laufende Wasser und drehte den Hahn zu. Sie wollte den Raum so schnell wie möglich verlassen. Doch Frau Köpke stand regungslos vor der Tür.
Die kalte Stimme ließ sie nicht gehen: „Ich wollte sowieso mit Ihnen sprechen und vielleicht ist es ja hier am besten, wo wir doch so ganz unter uns sind.“
Ein falsches Lächeln umspielte die schmalen Lippen. Kälte strömte Susanne entgegen. Sie blieb stehen und versuchte diesen Augen zu begegnen. Ihr Gegenüber nahm den Kampf an, fixierte sie, auf eine Reaktion wartend. Susanne wich aus, senkte den Blick auf das maßgeschneiderte Kostüm, dessen dunkelgrüne Farbe einen Kontrast zu den rot gefärbten Haaren bildete.
„Wissen Sie, etwas Zeit haben Sie noch bis zur Sitzung, genau genommen dreiundzwanzig Minuten. Ich war heute morgen schon einige Male in Ihrem Büro und habe mich gefragt, wo Sie sind.
Dann habe ich mir Sorgen gemacht, denn irgendwie wirkten Sie so unglücklich in der letzten Woche. Ich möchte Ihnen gern helfen.“
Die Pause stand in der Luft. Susanne wusste nicht, wohin sie blicken sollte.
„Ich kann mir das so gut vorstellen, ein Leben als alleinerziehende Frau ist bestimmt nicht einfach, ohne Mann, mit einem vierjährigen Sohn. Sie können sich immer an mich wenden, wenn Sie ein Problem haben. Wenn ich mich mal im Ton vergreife, müssen Sie das nicht persönlich nehmen. Mir als Chefsekretärin geht es um das Wohl der Firma, ich arbeite hier ja schon seit zwanzig Jahren. Angefangen habe ich wie Sie und nun verlässt sich der Geschäftsführer ganz auf mich. Wichtig in unserem Unternehmen sind Pünktlichkeit, Loyalität und Ordnung. Ich habe so manche junge Frauen gehen sehen.
Und bei Ihnen ... Na ja, ich will Sie ja nicht länger aufhalten,
Sie müssen ja gleich los. Aber mir,“ die Chefsekretärin verhielt in ihrem Redeschwall kurz, „ja, mir fehlen noch die Protokolle von der letzten Woche, die wollte ich gestern schon sehen, aber da waren Sie ja bereits verschwunden. Ihr Stil ist manchmal unmöglich.
Und Ihre Entschuldigung, Sie müssten mit Ihrem Sohn um Arzt gehen, kann ich nicht akzeptieren. Private Angelegenheiten haben in unserer Firma nichts zu suchen. Bringen Sie die Protokolle gleich bei mir vorbei, noch vor der Sitzung. Sie müssen sich natürlich beeilen.
Na ja, wenn man schon am frühen Morgen dreißig Minuten vor dem Spiegel steht, kann man die Arbeit natürlich nicht schaffen.“
Die Tür schlug zu. Susanne stand bewegungslos da. Diese Natter, schoss ihr durch den Kopf. Sie sah auf ihre Uhr. Das war unmöglich zu schaffen, die Protokolle waren noch nicht fertig, sie würde zu spät kommen. Die Köpke musste gewusst haben, dass sie Susanne hier finden würde, nur wegen der Ansprache war sie hereingekommen. Die Wut saß wie ein Stein im Bauch. Susanne schluckte. Sie kniff die Augen zusammen, atmete tief durch und öffnete die Tür.
Auf dem Weg zurück ins Büro, fiel ihr wieder ein, wie glücklich sie gewesen war, als sie die Stelle als Sekretärin nach dem halben Jahr Arbeitslosigkeit bekommen hatte. Sie konnte sich auch noch an das erste Gespräch mit Frau Köpke erinnern. Ihr herrschaftliches Auftreten, die Art, wie sie über das Unternehmen sprach, als ob es ihr eigenes wäre, hatte sie damals schon stutzig gemacht. Hinter der Freundlichkeit war die Machtgier zu spüren, eine Form des Auftretens, die keinen Widerspruch dulden würde. Sie hatte versucht, dieses unangenehme Gefühl zu verdrängen. So widersprach sie nicht, versuchte innerhalb der Teilzeitstelle ihre Arbeit so gut wie möglich zu erledigen. Um endlich für die nächste Zeit abgesichert zu sein. Endlich etwas mehr Geld, die Wohnung nach dem Auszug von Karsten wieder neu einzurichten und die Hoffnung auf einen Urlaub im Süden. Aber der damalige Eindruck hatte sich bestätigt und die Chefsekretärin ließ keine Gelegenheit aus, um sie zurecht zu weisen. Morgens folgten ihr missbilligende Blicke, wenn sie an ihrem Büro vorbei ging. Jedes Protokoll musste vorgelegt werden und die Korrekturvermerke waren nicht nachvollziehbar. Oft platzte Frau Köpke in ihr Büro hinein, legte Briefe hin und bemängelte die Ordnung auf ihrem Schreibtisch und in den Regalen. Die Stapel wären selbst für eine Vollzeitkraft kaum schaffbar. Am demütigsten war der Hinweis auf ihre Kleidung gewesen. Sie hatte diese kalte, näselnde Stimme noch im Ohr: „Frau Menz, wissen Sie, ich glaube, ich hatte vergessen, Ihnen einiges über die Kleidung in unserem Unternehmen mitzuteilen. Ich mag es ja, wenn Frauen sich jugendlich kleiden. Ihnen stehen ja die Jeans hervorragend und sauber sind ihre Jeans ja auch, aber auf unserer Geschäftsetage hat so etwas nichts zu suchen. Eine Personalabteilung muss repräsentieren, da ist es wirklich besser, wenn Sie ein Kostüm oder einen Hosenanzug tragen, aber bitte immer mit Strümpfen. Das dürfte doch kein Problem sein, ein Kostüm besitzt doch wohl jede Frau, oder?“ Auch da hatte sie nur schlucken und nicken können. Im Secondhandladen hatte sie gleich nach der Arbeit ein Kostüm gekauft, leider war der Rock zu kurz. Der Blick von der Köpke hatte das am nächsten Tag natürlich entdeckt, abfällig hatte sie den Mund verzogen, aber nichts gesagt.
Das Büroleben hatte inzwischen auf der Etage begonnen. Susanne grüßte kurz, schaute schnell weg, um jedes Gespräch zu vermeiden. Der Druck umklammerte ihren Magen wie eine eiserne Zange.
Sie ging in ihr Büro zurück und schloss die Tür hinter sich. Ihre Uhr gab ihr noch zwölf Minuten bis zum Sitzungsbeginn. Sie ließ sich auf den Drehstuhl fallen, legte den Kopf in die Hände und fühlte sich unfähig zu reagieren. Egal, was sie jetzt tun würde, jede Entscheidung hätte unangenehme Folgen. Erste Möglichkeit: Sie würde Frau Köpke die Protokolle bringen. Die Bemerkungen würden nicht ausbleiben, abgesehen davon, dass sie selbst noch einmal die Rechtschreibung überprüfen müsste. Die Korrekturen von der Köpke zögen sich so hin, dass sie zu spät zur Sitzung käme. Missbilligende Blicke würden ihr beim Öffnen der Tür begegnen. Und der Geschäftsführer wäre das erste Mal auch dabei. Ein schöner Einstieg! Dann könnte sie ihre Probezeit gleich vergessen. Würde sie dagegen die Aufforderung der Köpke ignorieren und stattdessen zur Sitzung gehen, würde die Chefsekretärin sich beim Geschäftsführer beschweren, wie sie es mehrmals schon angedroht hatte.
Die Stimmen auf dem Flur nahmen zu, bewegten sich in Richtung Konferenzraum. Susanne sah auf die Uhr, noch vier Minuten. Gisela steckte den Kopf zur Tür hinein: „Hey, was ist? Kommst du?“
„Ich brauche noch ein wenig, geh schon mal vor.“ Ihr gequältes Lächeln erreichte nur die schon wieder geschlossene Tür. Sie schaute auf das Foto ihres kleinen Sohnes neben dem Monitor. Seine Augen trösteten für einen Moment. Sie strahlten eine Unbekümmertheit aus, die in dieser Umgebung schmerzte. Susanne löste den Blick und suchte nach den Protokollen im Ordner.
Auf dem Flur war es ruhig geworden, aber auch das verschaffte keine Erleichterung, sondern erhöhte den Druck. Es ging nicht. Ein Monat der Probezeit war zwar überstanden, aber jeder weitere Tag wäre eine Qual. Sie sah nur eine Möglichkeit. Susanne streichelte zärtlich über das Foto, nahm ihre Tasche und schob es hinein. Plötzlich trieb sie eine Eile an. Die Tasche unter den Arm gepresst stürmte sie zur Tür. Sie lief an den leeren Büros vorbei, hin zum Treppenaufgang. Mit jeder Stufe, die sie nahm, kehrte die Leichtigkeit zurück. Vor dem Bürogebäude schaute sie kurz hoch zur siebenten Etage. Die Fenster wirkten blind. Als sie ihren Kopf drehte und in den Himmel schaute, kam die Sonne hinter einer Wolke hervor und erfüllte ihr Gesicht mit Wärme.

 

        

 
© Grit Ellen Sellin