Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle.
Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte
sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach,
dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden.
Das Wochenende war vorbei und er wusste, es würde keine Wiederholung geben. Sie waren sich begegnet, wie sie weiter nicht kommen konnten. Langsam wandte sich der Mann dem Ausgang zu, zog dabei gierig an der Zigarette.
Draußen auf dem Bahnhofsvorplatz überdeckte der fallende Schnee die Spuren der umhereilenden Menschen. Wie dunkle Schatten flohen sie vor dem plötzlichen Wintereinbruch. Der Mann dachte daran,
wie schnell der Schnee alles verdeckte und scheinbar ungeschehen machte. Er sah auf und sein Blick fiel auf die Hotelfront gegenüber des Vorplatzes. Nur wenige Fenster waren beleuchtet. Er sah an dem Gebäude hoch und versuchte die Fenster auszuzählen. Hinter einem hatten sie sich vor wenigen Minuten im Dunkeln hastig angezogen, ihre Angst dabei, den Zug nicht mehr rechtzeitig zu erreichen. Er verzählte sich, begann erneut und landete bei einem erleuchteten Fenster. War dort bereits das Zimmermädchen beim Aufräumen und beseitigte alle Spuren ihres Aufenthaltes? So blieb nichts als der Geruch auf seiner Haut. Vielleicht noch ein blauer Fleck auf der Schulter, dort hatte die Frau ihn überraschend gebissen, dass er erschrocken in der Bewegung verharrte. Vorsichtig strich er über
die Stelle und wünschte sich, dass mehr bliebe.
Der Taxistand war leer. Der Mann beschloss, die U-Bahn zu benutzen, vielleicht hatte er Glück und musste nicht zu lange auf den nächsten Zug warten. Sie saß dagegen in ihrem warmen Waggon, unerreichbar, unumkehrbar, vielleicht hatte sie die Augen geschlossen und durchlebte ihre gemeinsamen Stunden noch einmal. Bei dem Gedanken zog es in seinem Magen.
Die Schneeflocken fielen heftiger. Wie hinter einer weißen Wand verbarg sich die Welt. Mit der Hand fuhr er sich über den Kopf,
um den Schnee abzuschütteln, doch nur die Nässe blieb an den Fingern. Auch der Schweiß auf seinem Körper hatte sich in einen kalten Wasserfilm verwandelt. Er zog den Mantel enger um sich, doch die Kälte war schon darunter gekrochen. Er beschleunigte seine Schritte, war erleichtert, als er den U-Bahn-Eingang erreichte.
Der Wind kam aus dem Eingang und schlug ihm unerwartet ins Gesicht. Der Mann hatte Hunger. Er musste so schnell wie möglich nach Hause, vielleicht fand er noch etwas in der Küche, wollte heiß duschen und dann nur noch ins Bett.
Er sah sich auf dem Bahnsteig stehen, verfroren und allein.
Die Wärme der letzten Stunde war entflohen, nun zog die Kälte wie eine dunkle Einsamkeit auf. Niemand kam, kein Laut war zu hören. Wo vor einer halben Stunde noch ihre Hände auf seiner Haut gewesen waren, leicht verschwitzt, ganz warm und weich, streichelnd, gierig suchend, hatte sich die Haut zusammengezogen. Der Mann dachte daran, wie ihre Münder sich ineinander verfangen hatten, nicht mehr loslassen konnten, wie alles andere vergessen war. Doch die Kälte raubte die Erinnerung, dass er glaubte, er würde keinen Moment länger aushalten. Ungewöhnlich – kein Mensch auf dem Bahnsteig. Er sah auf die Uhr – halb eins, für Hamburger Verhältnisse, selbst am Sonntag war doch immer etwas los. Der U-Bahn-Fahrplan war hinter der Scheibe kaum lesbar.
Als er nach der Lesebrille griff, spürte er eine Bewegung hinter sich. Hastig wandte er sich um, es war niemand zu sehen.
Langsam schlenderte er zum dem Aufsichtshäuschen. Der Hall seiner Schritte brach sich den gekachelten Wänden und kam zurück. Plötzlich nahm er noch einen Laut wahr, ein leichtes Klacken.
Er hielt an, das Klacken verstummte. Als er weiterlief, meinte er es wieder zu hören. Erneut drehte er sich um, doch es war niemand zu sehen, nicht mal einer von diesen Obdachlosen, die doch sonst immer Schutz in den U-Bahnhöfen suchten. So ungemütlich hätte er es noch nie empfunden. Bilder von Überwachungskameras gingen ihm durch den Kopf, Fußtritte auf wehrlose Passanten.
Er beschleunigte seinen Schritt, lauschte dem Echo. Das Klacken war nicht mehr zu hören. Wahrscheinlich war er einfach nur übernächtigt. Das Aufsichtshäuschen war leer und vergittert.
Er drehte sich um, noch immer schien er allein zu sein. Es hatte keinen Sinn noch länger zu warten, er würde sich ein Taxi rufen.
Rasch lief er die Treppe zum Ausgang wieder hinauf und blickte sich von der obersten Stufe noch einmal um. Da war ein Schatten hinter dem Fahrkartenautomat. Ein Stück blauer Stoff, wie die Farbe ihres Wollmantels. Er lief einige Stufen hinunter, beugte sich nach vorn, bemühte sich den Raum hinter dem Automaten einzusehen.
Nichts war zu erkennen. Er hatte sich getäuscht. Alles hier kam ihm unwirklich vor. Auf einmal wollte er nichts sehnlicher, als nach Hause zu kommen. Er stellte sich vor, wie er die Wohnungstür vorsichtig aufschloss, in das Kinderzimmer blickte, auf den Atem lauschte, bevor er sich dann zur Frau ins Bett legen würde. Wahrscheinlich hatte sie auf ihn gewartet und würde mit geschlossenen Augen ihren Arm auf seine Brust legen. Der Mann würde ganz still liegen, ihre Wärme spüren und diese Last als die geringste empfinden.
Er musste ein Taxi nehmen, die Kälte war nicht mehr auszuhalten. Mit diesem Entschluss wandte er sich dem Ausgang zu und stutzte. „Was machst du denn hier?“, kam es langsam aus seinem Mund, viel härter, als er es gewollt hatte. Das nachgeschickte Lächeln konnte nichts mehr daran ändern.
„Ich habe auf dich gewartet“, sagte die Frau. Sie nahm seine Hand zwischen ihre warmen Hände. „Lass uns nach Hause gehen.“
Fast zog sie ihn zuerst, doch nach wenigen Schritten war er es,
der ihre Schrittfolge bestimmte.

 

        

 
© Grit Ellen Sellin