Im Rückspiegel fuhr er sich noch einmal durch die kurzen Haare und griff nach dem Deo im Handschuhfach. Sie würde schon warten. Sarah mit ihren Puppenaugen, die klappern konnten.
Ein gedeckter Tisch, zwei Weingläser, bestimmt hatte sie etwas Kleines zu essen vorbereitet, sich aufreizend angezogen -
es würde ein schöner Abend werden. Jonas sah auf die Uhr,
bis Mitternacht würde er bleiben, wenn Sarah nicht wieder von einer gemeinsamen Wohnung reden würde.
Er musste nicht klingeln, ein Mann kam aus der Eingangstür,
ließ sie hinter sich fast zufallen. Im letzten Moment schlüpfte
Jonas an ihm vorbei. Kein Gruß vom Gegenüber, keine Reaktion, Anonymität der Neubaugebiete. Wenigstens stand der Fahrstuhl da. Eine zusammengeknüllte Papiertüte und einige Pommes Frites lagen verstreut auf dem Boden. Es roch nach kaltem Fett. Jonas stieg ein und drückte auf den obersten Knopf. Die Ziffer waren ausgebrannt, wahrscheinlich Jugendliche, verwöhnte Kinder, die Langeweile hatten und Pommes Frites im Fahrstuhl verstreuten.
Vorsichtig schob er einige mit dem Schuh zur Seite.
Die Metalltür schloss automatisch, die Außentür schlug zu,
der Fahrstuhl ruckte an. Hinter dem schmalen Fenster wechselte das leblose Grün ins Grau der Wandflächen. Jonas schluckte,
jedes Mal ergriff ihn wieder das beklemmende Gefühl. Er hätte laufen können, doch das Treppenhaus war noch schmutziger,
auf das Licht war kein Verlass. Er blickte auf die Knopfleiste.
Ein Notfallknopf war nicht zu sehen, auch eine Sprechanlage schien es nicht zu geben. Hier wurde an allem gespart. Wer wohnte schon hier? Hartz-Vier-Empfänger, Familien auf Sozialhilfeniveau, alleinstehende Frauen, vielleicht noch Monteure, und Sarah,
die hier aufgewachsen war und nach dem Auszug der Mutter wohnen blieb. Sie sagte immer, als Studentin könne sie sich allein keine große Wohnung leisten und die drei Zimmer in der letzten Etage hatte alle einen schönen Blick.
Jonas sah auf das schmale Türfenster, wartete auf das Graugrün der nächsten Tür. Die Wand blieb grau, eintönig grau, wie wahrscheinlich alles hier. Nie würde er hier wohnen wollen, im Einheitsbrei der Arbeiterschließfächer. Er liebte seine Dachgeschosswohnung mit dem Blick in die Sonnenuntergänge,
wo es nicht viel Platz gab, der ihm jedoch ausreichte. Dort gab es keinen Platz für einen anderen, vor allem nicht für keine Frau.
Wenn er Sarah nicht begegnet wäre, hätte er nie diese Bauten kennen gelernt. Sie hatte ihn verzaubert, eine junge Frau, selbstbewusst, die ohne Grund laut auflachen konnte und die ihn manchmal zu durchschauen schien.
Der Fahrstuhl fuhr, die Wand hinter der Scheibe glitt an ihm vorbei. So lange hatte es doch sonst nicht gedauert! Jonas spürte Hitze aufsteigen. Irgendetwas war anders als sonst. Er sah auf das Handy. Kein Signal. Auch die Ziffern über der Tür leuchteten nicht, doch der Fahrstuhl bewegte sich unaufhaltsam nach oben. Inzwischen waren sicher schon fünf Minuten vergangen. Er trat näher an die Tür und nahm in der Fahrstuhlscheibe seine Gesichtszüge wahr. Hinter den Brillengläsern waren seine Augen nicht zu erkennen. Das Lächeln wirkte etwas verzerrt. Beim Zurücktreten spürte er unter seinem schwarzen Halbschuh etwas Weiches. Als er die Sohle anhob, sah er ein zerquetschtes Pommes Frites. Jonas holte ein Taschentuch aus der Hosentasche und versuchte, die Reste des Breis zu entfernen. Mit der Schuhspitze schob er sie zu den anderen in die Ecke und warf das Taschentuch dazu. Er stellte sich gegenüber, so weit wie möglich von den Essensresten entfernt.
Es gab einen Ruck, der Fahrstuhl blieb plötzlich stehen. Jonas erstarrte. Sollte das eintreffen, was er doch immer befürchtet hatte? Er rüttelte an der Tür, die blieb verschlossen. Er versuchte ein Schreien, doch das klang in seinen Ohren selbst so abscheulich, dass er es wieder abbrach. Das Licht flackerte, ging aus und wieder an. Jonas blickte auf die Knöpfe. Es musste doch einen Notfallknopf geben, das war gesetzlich vorgeschrieben. Doch es war nichts zu erkennen. Er drückte die Knöpfe nacheinander. Das Licht ging aus. Jonas atmete tief ein und zwang sich zur Ruhe. In der Dunkelheit wurde der Geruch nach altem Fett stärker. Vor seinen Augen wurden die Pommes Frites größer. Es musste doch jemand bemerken, dass hier etwas nicht stimmte! Es gab doch nur den einen Fahrstuhl! Er griff nach dem Handy und leuchtete damit. Der Akku würde nicht lange durchhalten, wie immer in solchen Situationen. Er bemühte sich flach zu atmen. Das hatte er in Bücher über eingesperrte Bergleute oder Menschen unter Lawinen gelesen.
Er hockte sich hin, möglichst weit weg von dem Pommes-frites-Rest in der Ecke. Sarah würde warten. Wenn er geklingelt hätte, würde sie ahnen, dass etwas nicht stimmte. Aber so! Er atmete heftiger,
da war ein Druck auf seinem Herzen. Es piekte wie Nadelstiche. Wenn er jetzt einen Herzinfarkt bekäme, er war im besten Alter dafür! Nein, er musste sich beruhigen. Jonas schob sich die Laptoptasche hinter den Kopf. Wer weiß, was Sara dachte, wo er war. Vielleicht war ihr das aber auch egal, so wie er selten Bescheid gesagt hatte, wenn er später kam. Er würde versuchen zu schlafen, zur Ruhe zu kommen. Arbeiten ging hier bestimmt niemand, aber vielleicht gab es einen Hundebesitzer, der früh aufstand und den steckengebliebenen Fahrstuhl bemerken würde. Man konnte doch nicht alles ignorieren. Vorsichtig schob er sich an der Wand hinunter, tastete mit der Hand über den Boden. Unter den Fingern spürte er den kleine Steine und Staubflusen. Wir groß doch alles wurde, wenn man es nicht sehen konnte. Mit den Schuhen berührte er die gegenüberliegende Wand, hoffentlich da, wo nicht die Pommes Frites lagen. Aber es war auch egal, wo er lag, nur keine Panik. Er hatte sich doch im Griff. Hauptsache, die Luft würde ausreichen. Wenn alles gut gegangen wäre, würde er jetzt neben Sarah auf der Couch oder im Bett liegen, über ihre weiche Haut streicheln ...
„Hallo, is allet in Ordnung?“ Die Stimme war ganz dicht an seinem Ohr. Eine Hand rüttelte an seiner Schulter. Jonas öffnete die Augen und sah über sich einen Mann im blauen Overall mit einem Werkzeugkasten in der Hand. Dahinter an der geöffneten Fahrstuhltür stand Sarah. Sie strahlte wie ein Engel. Er rappelte sich hoch, strich über die Hosen, als könne er die Falten wegstreichen.
Er blickte an sich hinunter, der zerknitterte Anzug, Fettflecke auf dem einen Hosenbein. Bestimmt sah er auch ganz faltig aus, unrasiert, roch aus dem Mund. Der Overallmann kehrte ihm schon wieder den Rücken zu und verschwand.
Sarah reichte ihm die Hand: „Mach dir nichts draus, das passiert hier öfter.“
„Aber das geht doch nicht.“ Jonas stammelte. „Du kannst doch hier nicht wohnen. Das nächste Mal kommst du zu mir.“
„Wenn du meinst“, nickte Sara, schob Jonas vor sich durch die geöffnete Wohnungstür und blinzelte dem Hausmeister noch einmal zu. „Und übrigens vielen Dank für Ihre Hilfe, Herr Schulze.“

 

        

 
© Grit Ellen Sellin